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700 m² zurück erobert

Parnass-Platz im SUPERBÜTTEL eröffnet

Erst zaghaft, dann beherzter und mit ein wenig Hilfe zog sie an der Leine, worauf die rote Hamburg-Fahne, die das neue Straßenschild bis eben verhüllte, unter Jubel der Umstehenden den Blick auf den Namen des neuen Platzes freigab. Auf ihren Namen. Die 96-jährige Peggy Parnass dreht sich nun im Rollstuhl dem anwesenden Publikum entgegen, reckt die Hand in die Luft.

Dieser Moment muss ein ganz großer in ihrem langen Leben sein.

„Es ist beinahe so, als wären meine Eltern zurückgekommen, die hier rausgeschmissen worden sind“. Dem Andenken ihrer Eltern zu Ehren wurde der Platz nun benannt. Dieser Augenblick ist etwas ganz Besonderes und wir glauben, das haben auch alle Menschen, die der Zeremonie am Sonnabend, den 28. Oktober um kurz nach 12 Uhr beiwohnten, ebenfalls gespürt.

Hamburg hat nun einen neuen Platz, mitten in Eimsbüttel, rund 700 m² Freiraum (inklusive Bürgersteigflächen), der nun wieder den Menschen gehört. Wo es bis vor kurzem rund ein Dutzend Parkplätze gab, erinnert nun der Name des Platzes an das Schicksal der jüdischen Familie Parnass. Hertha und Simon Parnass wohnten mit ihren Kindern Peggy und Gady direkt um die Ecke in der Methfesselstraße. Während die Eltern ihre Kinder nach Schweden retten konnten, gelang es ihnen selbst nicht. Beide wurden im Vernichtungslager Treblinka von den Nazis ermordet. Mit ihnen verloren Peggy und Gady rund 100 weitere Familienangehörige und Verwandte, deren Leben ausgelöscht wurde.
Dieser Platz soll nun an den Holocaust erinnern.

Rund 200 Menschen kamen zusammen, immer wieder blieben Leute stehen, die zufällig vorbeikamen, informierten sich oder gesellten sich dazu. Das Bezirksamt Eimsbüttel hatte diese Veranstaltung organisiert und eingeladen, war entsprechend mit Pavillon und mehreren Mitarbeiter:innen auch aus der Leitungsebene vertreten, dazu kam ein Stand der Agentur „Tollerort“, die die begleitende Bürgerbeteiligung durchführt sowie wir von KURS FAHRRADSTADT mit unserem informativen SUPERBÜTTEL-Auftritt.

Vielen Dank an dieser Stelle an den Bezirk Eimsbüttel, dass wir dabei sein durften. Aus unserer Sicht war es eine rundum gelungene und würdige Veranstaltung. Es wurden Ansprachen von der Verwaltung zur Entstehungsgeschichte des Platzes und des weiteren Vorgehens gehalten, ebenso waren Menschen des VNN-BdA (Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten) und Weggefährten Peggy Parnass’ vor Ort, gab es eine kleine Lesung aus einem der Bücher („Kindheit“)der bekannten Publizistin und konnte die Grande Dame sogar selbst noch einige bewegende Worte zu den Versammelten sprechen.

Kindheit

Wie unsere Mutter uns vor den Nazis rettete

„Kindheit – Wie unsere Mutter uns vor den Nazis rettete“, so heißt das Buch von Peggy Parnass mit Farbholzschnitten der Künstlerin Tita do Rêgo Silva. Bei der Eröffnung des Platzes wurde hieraus gelesen. Restexemplare können bei der Künstlerin erworben werden. Ihr Atelier liegt in der Koppel 66, Öffnungszeiten siehe www.titadoregosilva.de

Auszug aus den Kindheitserinnerungen:
„Im Sommer war jeder Tag eine Angstpartie. Überall stand auf Schildern, was wir nicht durften, und wir haben‘s trotzdem getan. Auf ‘ne Bank gesetzt im Park, obwohl „Für Juden verboten“ drauf stand. Und dann dagesessen, als ob der Po festgebacken wäre. Vor Angst nicht wieder aufstehen können.“

Neben Polit- und Verwaltungsprominenz aus Stadtteil und Bezirk war auch der Bundestagsabgeordnete Till Steffen dabei. Andächtig wurde den Reden über das Schicksal der Parnass-Familie und Grußworten des Kultursenators zugehört. Ebenfalls gekommen waren einige “Omas gegen Rechts“ sowie Hobby-Gärtnerinnen des befreundeten Eimsbütteler Projektes „Stephanusgarten“. Hier hat der Bezirk Eimsbüttel über die Eröffnung vom Parnass-Platz geschrieben.

Für uns von KURS FAHRRADSTADT ist dies ein definitiv doppelt bewegender Moment: Nach etwa zweieinhalb Jahren, nachdem wir unsere Idee des Superblocks für Hamburg erstmalig präsentierten, passiert tatsächlich etwas. Nichts Vages, nichts, was „nur“ ausprobiert wird, sondern etwas Bleibendes. Mit dem Parnass-Platz ist die erste von insgesamt rund 10 Ideen in die konkrete Umsetzung gegangen. Wir können kaum beschreiben, wie sehr es uns freut, schließlich wissen wir, welch ein teils jahrelanger Aufwand in dieser Stadt betrieben werden muss, selbst um minimale Verbesserungen wie heute diesen neuen Platz zu erreichen.

Vom Autoparkplatz zum Platz für Menschen

Obwohl hart am Rande des von uns definierten SUPERBÜTTEL-Gebiets gelegen, hatten wir diesen Platz von Beginn an im Blick. Ein sehr schöner Ort in Eimsbüttel, wie es ihn kaum ein zweites Mal im Bezirk und sogar nur wenig darüber hinaus gibt. Was könnte es hier statt parkenden Fahrzeugen alles geben, was könnte hier alles anders sein? Bewusst haben wir von Anfang an ein ganz besonderes Augenmerk auf diese wertvolle Fläche gelegt. Wir haben den Platz visualisiert und in Anlehnung an den Komponisten Methfessel, der auch die Hamburg Hymne komponiert hat, vorläufig „Hammonia-Platz“ genannt. Wenn von all unseren Vorschlägen für SUPERBÜTTEL etwas vergleichsweise einfach umsetzbar ist, dann ist es dieser Platz.

In den letzten beiden Wochen wurde die bisherige Zufahrtstraße mit Steckpfosten vom übrigen Verkehr getrennt. Von Amtsseite, im Rahmen von „Unser Klima Eimsbüttel“ wurden Hochbeetkästen in Voll- und Halbpalettenbauweise aufgestellt, einige davon sogar mit netten Sitzgelegenheiten ausgestattet. Zudem wurde eine Baumscheibe deutlich zu einer größeren Beetfläche ausgeweitet und wurden einige neue Fahrradständer installiert.
Obwohl es nasskaltes Wetter war, trafen wir bereits während der Aufbauphase einige ältere unmittelbare Nachbarinnen, die so begeistert waren, dass sie sich gleich Gedanken darüber machten, vielleicht Patenschaften für Kästen zu übernehmen, z.B. zum Gießen im Sommer. Diese Menschen kamen von sich aus darüber ins Gespräch, wussten bis dahin überhaupt nicht, dass sie schon lange beinahe nebeneinander leben. Es hat uns sehr gefreut und zeigt eindrucksvoll, welche Möglichkeiten entstehen, wenn den Menschen Raum für Begegnungen gegeben wird. Für den neuen Platz, der zunächst temporär gestaltet wurde, haben die Planer:innen vom Bezirksamt außerdem die Möglichkeit vorgesehen, dass die ansässigen gastronomischen Betriebe ihre Außenflächen auf einem kleinen Teil des Platzes erweitern können. Der genaue, vorläufige Plan der Parnass-Platz-Gestaltung liegt hier zum download bereit.

Während der Eröffnungsfeier haben wir von KURS FAHRRADSTADT eine öffentliche Pflanzaktion mit vom Bezirksamt gestellten Pflanzen betreut, bei der zusammen mit Menschen vor Ort die neu hergerichtete Beetfläche unter tatkräftiger Mithilfe einiger Nachbar:innen, Stephanusgärtner:innen und begeisterten Kindern begrünt wurde. Genauso entsteht Identifizierung mit etwas Neuem, entsteht ein Wir-Gefühl, entdecken Menschen nachbarschaftliche Gemeinschaft neu und bringen sich ein. Ein großes Dankeschön auch an die fleißigen Gärtner:innen vom Stephanusgarten für eure tatkräftige Unterstützung- toll!

Wir haben bis in den späteren Nachmittag hinein viele Gespräche mit interessierten Nachbar:innen und Anwohner:innen geführt, dabei überwiegend Dankbarkeit für unseren Einsatz erfahren. Einige hatten gleich weitere Ideen, praktischerweise konnten wir sie direkt an die Leute vom Bezirksamt und der Tollerort-Agentur verweisen. Natürlich gab es auch Meinungen von Anwohner:innen, die unsere Ideen nicht so gut finden. Von ihnen wurde vor allem auf den „Parkdruck“ hingewiesen, der nun noch weiter verstärkt werde. Auch mit ihnen haben wir uns sehr ausführlich unterhalten. Allerdings können wir ganz klar sagen, dass diese Meinungen eindeutig nicht die Mehrheit widerspiegeln.

Schon allein diese kleine Ecke führt vor Augen, wie sehr es sich lohnt, wenn es Änderungen des öffentlichen Raumes zum Besseren hin gibt in einer sich ständig verändernden, weiter wachsenden und verdichtenden Großstadt, die in die Zukunft weisen.

Als Nächstes werden die Bewohnenden vor Ort ermutigt, sich in den bereits durch die Agentur Tollerort gestarteten Beteiligungsformaten einzubringen, um Ideen für eine endgültige freiraumplanerische Gestaltungslösung einzubringen. Wir haben dieses Verfahren von Beginn an gefordert und begrüßen außerordentlich, dass es nun auch so kommt.

Bereits jetzt freuen wir uns schon auf die nächste SUPERBÜTTEL-Umsetzung, die demnächst vor der Schule in der nahen Rellinger Straße folgen soll.
Stay tuned!

Herzlich grüßt das KURS FAHRRADSTADT Team


Zum Schluss die schönsten Fotos und Eindrücke vom neuen Platz:


Herzlichen Dank an noa4 TV!
Alle Rechte verbleiben bei der on air new media GmbH. noa4 und on air new media GmbH übernehmen keine Haftung für dieses Video.

Berichterstattung zum Parnass-Platz haben wir hier zusammengetragen

Alles zum SUPERBÜTTEL findet ihr hier

Habt ihr schon unseren offenen Brief an Bürgermeister Peter Tschentscher unterzeichnet, in dem wir ihn auffordern, u.a. dem Umweltverbund die oberste Priorität in Hamburg zu geben? Rund 8.800 Menschen haben ihn bereits online auf change.org unterschrieben. Hinzu kommen einige hundert, die wir klassisch auf Papier gesammelt haben. Also – gerne mithelfen, jetzt die 10.000er Marke zu knacken!

https://www.change.org/p/kurs-fahrradstadt

Zu den
KURS FAHRRADSTADT
Beiträgen

An dieser Stelle möchten wir gerne noch etwas in eigener Sache sagen: Erfolge wie diesem geht unglaublich viel Arbeit voraus. Sichtbar auf den Straßen ist dabei nur der kleinste Teil davon. Sehr vieles, von der Ideenfindung über Vorbereitungen, von Networking-, Öffentlichkeitsarbeit, Gesprächen mit Politiker:innen und anderen Akteuren, dem Verfassen von Beiträgen und das Bespielen von socialmedia-Kanälen läuft im Hintergrund. Ohne all dies wären Aktionen wie z.B. das SUPERBÜTTEL-Projekt undenkbar. Wir sind als kleine Initiative auf jede Hilfe angewiesen und freuen uns über jede Unterstützung. Alle Interssierten können sich jederzeit und sehr einfach, ganz nach eigener Lust und nach eigenem zeitlichen Aufwand bei uns einbringen. Probiert es gerne einmal aus. Wie das geht, erfahrt ihr hier.

6 replies on “700 m² zurück erobert”

Herzlichen Glückwunsch und vielen Dank, dass ihr diese dicken Bretter beständig bohrt! Ihr seid eine Inspiration – viele Grüße aus Hamburgs Osten

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Leider wird mir aus dem Bericht nicht deutlich wo sich der neue Platz befindet. Es liegt auch daran das ich soviel Text nicht mehr verstehen kann. Eine kleine Karte wäre nett.

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Hallo Kai,

prima, dass der Platz jetzt nicht mehr durch Autos zugestellt ist.

Bei der Gestaltung, da gibt sehr viel Luft nach oben.

Das ist sollte die Stadt finanzieren!!

Ich könnte mir vorstellen, dass der Platz über die Methfesselstr. erweitert wird. Es gibt dann eine Verbindung von der Sartoriusstraße zur Methfesselstr., aber keine mehr zur Lappenbergsalle.

s. Regelung Armbruststr. – Voigtstr.

Viele Grüße

Jürgen

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