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Lebenswerte Stadt soll kommen – Bezirkspolitik wird konkret: Vorhang auf für Superbüttel!


Nothing in this world is more simple and cheaper than making cities that provide better for people.

Jan Gehl

Heute, am 28. Oktober 2021, beschloss die Bezirksversammlung Eimsbüttel: Superbüttel-Ideen – Ja bitte!

Hier unsere Pressemeldung dazu.

Superbüttel? Davon hatte noch niemand gehört, als wir unsere Idee am 11. April diesen Jahres der Öffentlichkeit präsentierten.

Es geht darum wie man ein dicht besiedeltes, urbanes Altbauviertel in ein attraktives Quartier mit erhöhter Lebensqualität, mehr Grün, Platz für alle und dabei klimafreundlich gestalten kann. Aus Hamburg-Eimsbüttel heraus trat Superbüttel eine mediale Reise quer durch Deutschland an und wird inzwischen als Hamburger Modell angesehen. Wer hätte gedacht, dass es so eine Erfolgsgeschichte würde? Wir jedenfalls nicht. Anscheinend haben wir einen Nerv der Zeit getroffen…

Hey, Moin und ¡Hola!
liebe Freundinnen und Freunde von
Superbüttel und KURS FAHRRADSTADT,

…klar war aber auch: Superbüttel wird nicht morgen umgesetzt sein – genauso wie der Weg zu einer wirklich lebenswerten Stadt im Sinne der UN-Nachhaltigkeitsziele noch lang ist. Das Startsignal aber ist heute durch die Bezirkspolitik gegeben worden. Alle Parteien (bis auf die AfD) zeigten sich beeindruckt, dass das Konzept aus der Zivilgesellschaft heraus detailliert vorausgedacht und visualisiert wurde und haben dieses Engagement dankend gewürdigt.
Aber der Reihe nach:

Seit unserem Superbüttel-Straßenfest am 13. August in der Rellinger Straße schien es ruhig geworden zu sein. Doch das täuschte! Zahlreiche Gespräche und Ausschuss-Sitzungen mit der Bezirkspolitik, die sich mehrheitlich positiv zum Konzept positionierte, liegen hinter uns.

Die Medienaufmerksamkeit ist seither weiter angewachsen. Unsere Medienliste führt mittlerweile rund fünfzig Einträge allein zu Superbüttel – und wir bekommen noch immer Anfragen.

Diese breite Berichterstattung hat einen Grund: Immer mehr Menschen in Städten spüren und wissen längst, dass sich etwas ändern muss.
Hamburg wird aufgrund des Wohnungsbauprogramms stark verdichtet und auch die Anzahl der PKW steigt stetig, obwohl gerade die kurzen Wege die Stadt gegenüber dem Land kennzeichnen. Es braucht eine neue Stadtgestaltung, damit Hamburgs Lebensqualität beibehalten oder – besser noch – gesteigert wird. Superbüttel zeigt exemplarisch und bildlich, wie so etwas in Stadtteilen gelingen und aussehen kann, die vor über 100 Jahren gedacht und erbaut wurden, zu einer Zeit, als nur sehr wenige Automobile durch die Straßen fuhren, viele Menschen radelten, die meisten Leute zu Fuß unterwegs waren und Kinder auf den Straßen spielten.

Lebenswerte Stadt und Superbüttel…
… damit Kinder wieder sicher zur Schule kommen.
Vielen Dank an die GRÜNEN-Fraktion für die Verwendungserlaubnis des Fotos.

Superbüttel orientiert sich an Superblocks

Unser Konzept orientiert sich an den Superblocks Barcelonas, die seit knapp zwanzig Jahren weltweit für positiven Gesprächsstoff sorgen. Die Superblocks zeigen seit Jahren, dass Stadtveränderung machbar ist. Hierbei überwiegen die positiven Effekte bei weitem, sei es, indem den Menschen wieder Raum zurückgegeben wird; sei es durch erhöhte Sicherheit im Straßenverkehr oder die weitaus geringere Belastung der Bevölkerung mit Lärm und dreckiger Luft. Superblocks schaffen hier konkret Abhilfe: Sie laden Stadtmenschen ein, Träume wahr werden zu lassen, und Superbüttel tut das gleiche: Vorab klar definierte Ziele sollten möglichst unter Beachtung der 10 Superbüttelkriterien erreicht werden (wie z.B. deutlich mehr Platz für Menschen, Vorrang für Fuß- und Radverkehr). Außer diesen 10 Superbüttelkriterien gilt, dass nichts festgelegt ist, oder bleiben muss wie es war. Es liegt nur an an der eigenen Vorstellungskraft, sich auszumalen, wie schön es werden kann. Und es gibt Platz für die Ideen aller Bewohner:innen. Mit einer Bürger:innenbeteiligung soll allen Interessen Rechnung getragen werden. Das steckt an, macht Lust auf mehr, macht es spannend – längst nicht nur für uns. Superblocks und Superbüttel geben Antworten auf Fragen, die uns jetzt und in Zukunft noch weitaus mehr beschäftigen werden. Wir glauben, dass genau darin das Geheimnis des Erfolgs liegt.

Wie reagierte die Politik?

Kurz nach unserer Vorstellung von Superbüttel und der zur gleichen Zeit durchgeführten Umfrage mit überragenden Zustimmungswerten für Superbüttel starteten wir den Dialog mit der Bezirkspolitik. Den GRÜNEN, der SPD und der Linken konnten wir so unsere Vision direkt vorstellen. Meist geschah dies aufgrund der Pandemie auf Onlinesitzungen der jeweiligen Fraktionen. Alle an diesen Terminen teilnehmenden Personen aus der Bezirkspolitik nahmen sich viel Zeit, hatten viele Fragen an uns, und es fanden lebhafte und sehr interessante Diskussionen statt, für die wir uns an dieser Stelle gerne noch einmal bedanken möchten. Der Fraktionschef der Eimsbüttel-SPD, Gabor Gottlieb, traf sich mit uns zu einem recht ausführlichen Spaziergang durch das Quartier. Später, nun schon im Wahlkampf, drehten wir auch mit Till Steffen von den GRÜNEN eine Runde durch die Straßen. Insgesamt stellten wir schnell fest, dass es bei allen Fraktionen, mit denen wir direkt gesprochen hatten, großen Zuspruch gab.

Vielen Dank an die GRÜNEN-Fraktion für die Verwendungserlaubnis des Fotos.
Lebenswerte Stadt und Superbüttel…
… damit Straßen grüner und im Sommer auch kühler werden.

Jetzt schon ernten!

Es stellte sich heraus, dass die Politik den Raum vor der Schule Rellinger Straße als erstes in Angriff nehmen möchte. Gerade für die Kinder der Grundschule Rellinger Straße ist zu wünschen, dass sie sicher zur Schule kommen können und das tägliche gefährliche Verkehrschaos vor ihrer Schule ein friedliches Ende hat. Es braucht aus unserer Sicht dafür keinen teuren Umbau, bei dem jeder Stein verändert wird. Zwei Durchfahrtsperren und die Nutzung vorhandener Stadtmöbel aus früheren Verkehrsversuchen – fertig ist das erste Mobilitätslabor in Eimsbüttel! Wie schön wäre es, wenn nach der Sanierung der Schule der Wiedereinzug der Schülerinnen und Schüler auch mit einer neu gestalteten Rellinger Straße gefeiert werden könnte! Wir schlugen vor, bis dahin ein weiteres Element von Superbüttel in Angriff zu nehmen: Die Einrichtung des Hammonia-Platzes (der vielleicht bald Parnass-Platz heißen könnte) als eine erste, für viele sichtbare und recht einfache Maßnahme. An diesen beiden Stellen können die „tief hängenden Früchte“ schnell und leicht geerntet werden.

Anträge gehen ihren Weg

Am 16. August war schließlich die SPD die erste, die gleich drei Anträge zu Superbüttel für die folgende Bezirksversammlung einreichte. Am 25. August legte die Bezirksregierung (GRÜNE/CDU) nach und reichte ihrerseits einen Alternativantrag ein.

Spannend wurde es nun im Hamburg-Haus, als die Bezirksversammlung am 26. August zusammenkam, um über die Anträge abzustimmen. Zu dritt waren wir von KURS FAHRRADSTADT anwesend und nutzten die Möglichkeit, zu Beginn ein paar Worte an die Bezirkspolitiker:innen zu richten. Kai Ammer erinnerte daran, dass dies für Eimsbüttel nun eine großartige Chance ist Mobilitätswende-Geschichte zu schreiben. Es sei wichtig, nun gemeinsam und fraktionsübergreifend einen Prozess zu initiieren statt schon jetzt bestimmte Details in den Vordergrund zu rücken. Denn – unsere Ideen verstehen wir als Vorschläge. Wie genau am Ende alles aussehen könnte, das müsse selbstverständlich mit den Bewohnerinnen und Bewohnern des Superbüttels zusammen erarbeitet werden. „Wir wünschen Eimsbüttel dabei nur das Beste und gutes Gelingen“. Damit überließen wir der Versammlung die anstehenden Entscheidungen. Entschieden wurde jedoch nichts. Stattdessen wurden alle Anträge erstmal in den Mobilitätsausschuss verwiesen.

Dort ging es dann am 8. September online weiter. Beschlossen wurde auch hier nichts, und die Anträge wanderten weiter in den Kerngebietsausschuss. Mitten in der heißen Phase des Wahlkampfes hieß es nun einen weiteren Monat zu warten.
Wir haben dies sehr begrüßt, denn nach dem Wahlkampf sind die Köpfe wahrscheinlich bei allen wieder klarer und bereit, auch auf andere zuzugehen. Wahlkampf ist Kampf, Superbüttel dagegen bedeutet Gemeinsinn.

Am 18. Oktober kam schließlich der Kerngebietsausschuss online zusammen. Hier passierte nun der entscheidende move: Zwei Anträge wurden mit breiter Mehrheit beschlossen: Einer von der Regierungskoalition (GRÜNE/CDU) und einer von der SPD. Diese Anträge kamen am 28.10. in der Bezirksversammlung erneut zur Vorlage und wurden dort endgültig angenommen. Es geht doch!

Lebenswerte Stadt und Superbüttel…
… damit Nachbarn sich wieder gerne vor der Tür treffen.

Superbüttel on tour

Die Wartezeit bis hierhin gestaltete sich als recht kurzweilig. Mit Superbüttel sind wir auf der Hamburger Klimawoche auf die Bühne gebeten worden. Wir haben Kontakte zu weiteren Initiativen geknüpft, unter anderem haben wir Superbüttel auf dem „Platz ohne Namen“ auf der Grenze zwischen Eimsbüttel und Altona-Nord vorgestellt. Im September sind wir vom THE NEW INSTITUTE zu einem Get-Together anlässlich des Starts des Projekts „The new Hanse“ der Transformationsprofis eingeladen worden. Mit dabei war an diesem Abend die Projektleiterin, Francesca Bria, vormals CTO (Chief Technical Officer) der Stadt Barcelona und heute Präsidentin des italienischen Innovations-Fonds. Das Programm hat das Ziel, Hamburg dabei zu unterstützen, eine europäische Modellstadt für demokratische Datennutzung, nachhaltige Stadtpolitik und bürgerschaftliche Teilhabe zu werden. Müsste gut passen zu Hamburgs Vorhaben „Modellstadt für den Klimaschutz“ zu werden. Wir sind gespannt, wie es damit weitergeht.

Auch drumherum bewegt sich etwas

Neben Medien-Anfragen an uns gesellen sich inzwischen solche von Studierenden hinzu, die Superbüttel in ihre Masterarbeiten aufnehmen. Aus Groningen, Uppsala, Kopenhagen und Berlin kamen Anfragen von Studentinnen und Studenten genauso wie aus Hamburg. Wir geben was wir können, trotzdem mussten wir einigen leider absagen, weil wir nicht die personelle Power haben, alles zufriedenstellend beantworten oder begleiten zu können. Freuen tun wir uns aber auf jeden Fall, dass es so viel Resonanz gibt. Auch „eine Etage höher“ (in der Behörde für Verkehr und Mobilitätswende – BVM) ist Superbüttel inzwischen ein fester Begriff (siehe hier). Was fehlte, war das „Go!“. Bis heute.

Bezirkspolitik fordert Superbüttel-Start

Deshalb wurden zwei Anträge in der heutigen Bezirksversammlung angenommen. Dabei handelt es sich zum einen um möglichst sofortige verkehrsreduzierende und -beruhigende Maßnahmen (SPD), zum anderen um eine Art „Komplett-Paket“, welches in erster Linie zunächst einen weiteren Prozess initiieren soll sowie eine Reihe an Prüfaufträgen beinhaltet (GRÜNE/CDU). Die Bezirkspolitik Eimsbüttel setzt sich dafür ein:

  • Auf Lappenbergsallee und Langenfelder Damm soll Tempo 30 eingeführt werden. Die Durchfahrt der Lappenbergsallee zwischen Schwenckestraße und Heußweg soll stadtauswärts unterbunden werden (SPD-Antrag).
  • Geprüft werden soll…
    – wie der Bereich vor der „Relli“ umgestaltet werden kann (Durchfahrt soll unterbunden werden) und was konkret dafür benötigt wird. Ein Zeitplan wird ebenfalls gefordert.
    – wie Freiräume z.B. am „Hammonia-Platz“ Methfesselstraße / Sartoriusstraße temporär ausgewiesen werden können.
    – eine breite Öffentlichkeitsbeteiligung durchzuführen ist.

    Ziel ist es, Durchgangsverkehr aus dem Superbüttel-Quartier rund um die Rellinger Straße heraus zu halten.
    (Antrag der Bezirksregierung von GRÜNE / CDU).

Die Anträge greifen zwar noch nicht alle Aspekte des Superbüttels auf, sie sind aber ein guter Auftakt, um in die weitere Erprobung und Beteiligung zu gehen. Die einseitige Durchfahrtsperre der Lappenbergsallee auf Höhe der Schwenckestraße liegt außerhalb von Superbüttel und wird längst nicht den gleichen Effekt wie die von uns vorgeschlagenen beidseitigen KFZ-Durchfahrtssperren wenige Meter weiter an der Apostelkirche haben (welche auch der ADFC in seinem Projekt „Quartiere für Menschen“ favorisiert).
Dennoch: Mit diesen beschlossenen Anträgen geht es definitiv in die richtige Richtung. Natürlich hätten wir uns noch mehr Mut gewünscht, vielleicht auch ein bisschen weniger Prüfen und dafür mehr Machen, aber es geht los! Das Wichtigste jedoch ist zunächst, dass mit diesen Anträgen aus dem Bezirk Eimsbüttel heraus an den Senat signalisiert wird: Veränderung ist ausdrücklich erwünscht!
Mehr noch: Senat und Behörden werden sich nun auch offiziell mit Superbüttel beschäftigen.

Lebenswerte Stadt und Superbüttel…
… für Klimaschutz und gesunde Luft!

Zukunft kann kommen!

Hamburg-Eimsbüttel gestaltet urbane Transformation auf Quartiersebene und wird dabei bundesweit beäugt! Die Bewohnerinnen und Bewohner werden mit ihren Wünschen gehört und die nachhaltige Stadt konkreter. Mit Experimentierfreude entsteht Aufbruchstimmung für das erste Hamburger Superbüttel.

Der Grundstein dafür ist heute gelegt worden.

Vielen Dank an die GRÜNEN-Fraktion für die Verwendungserlaubnis des Fotos.

Sei dabei und bring‘ dich ein:

Die lebenswerte Stadt und Superbüttel kommen nicht von ganz allein. Unser Fall zeigt, dass es dafür auch zivilgesellschaftliches Engagement braucht. Das ist bisweilen viel Arbeit, bringt aber auch jede Menge Spaß. Wir freuen uns über alle, die Lust haben, uns dabei zu helfen und Superbüttel wieder ein Stückchen weiter zu entwickeln.
Wir arbeiten mit verschiedenen Online-Tools, treffen uns aber auch immer wieder in Echtzeit. Jede*r bringt sich ein soviel man mag und worauf man Lust hat. Mitmachen bei uns ist wirklich einfach.
Schaut mal hier vorbei.

Eine Antwort auf „Lebenswerte Stadt soll kommen – Bezirkspolitik wird konkret: Vorhang auf für Superbüttel!“

Glückwunsch! Das klingt ja alles ganz wunderbar. Da sind wir aber ziemlich neidisch hier in Hoheluft-West. Vielleicht motiviert es uns ja, Ähnliches zu initiieren. Mit den Parklets fangen wir erstmal an.
Wir drücken auch die Daumen, dass ihr zum Vorzeige-Mobilitätswende-Stadtteil werdet!
Stefan Köttgen

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