Am frühen Morgen des 14. Oktobers 2026 sieht in Eimsbüttel noch alles wie auch sonst in den vergangenen Jahren aus. Aber etwas ist anders an der Osterstraße, die scheinbar noch von vollkommener Ruhe umhüllt ist. Gelbe Lichter zucken durch die Dunkelheit und Arbeiter räumen die letzten Absperrungen beiseite. Es wird wieder ein goldener Herbsttag in Hamburg werden – und der erste Tag, an dem Menschen wieder zurück auf die Ränder gedrängt werden, zu Fuß Gehende wieder nur den Gehweg haben, Radfahrende es wieder „kuschelig“ mit Bussen und LKW auf viel zu engen bis nicht vorhandenen Schutzstreifen haben, sie sich auf wenigen Zentimetern Aufstellfläche vor der Ampel Heußweg aufstellen dürfen – neben (statt vor!) beinahe drei Spuren (!!!) für Kraftverkehr, Anwohnende müssen endlich nicht mehr die unmögliche Ruhe aushalten, der Straßenmusiker gegenüber zum Glück nicht mehr gehört werden, der Sprunginselmittelstreifen wieder komplett mit falsch geparktem Blech zugestellt und der frische Latte im Cafè wird nach viel zu langer Pause erneut zusammen mit Auspuffqualm serviert.
Der erste Tag – seit über zwei Jahren. Seit diesem Tag sind die Autos zurück in der Osterstraße.


wir wussten, dass dieser Tag kommen würde. Trotzdem fühlte es sich sehr seltsam an, denn die Autos sind nicht zurück in irgendeiner Straße, sondern zurück im absoluten Herzen von Eimsbüttel. Da wo die meisten Menschen in der Gegend einkaufen, zur oder von der Schule oder Arbeit pendeln, wo sie aus U-Bahnen und zwei Buslinien strömen und wo die meisten Eimsbüttelerinnen und Eimsbütteler selten bis noch nie mit dem Auto hingefahren sind – jedenfalls nicht zahlenmäßig und nicht zum Einkaufen. Trotzdem hat das Auto hier wieder seinen Raum, den meisten Raum auf der Straße, zurückbekommen.
Mensch gewöhnt sich an alles. Deshalb nutzen andere Städte genau solche Zeitfenster, um Veränderungen zu verstetigen. Sie warten regelrecht, bis sich Möglichkeiten ergeben. In Hamburg dagegen werden solche Chancen lieber bewusst verschlafen. Bloß nicht so etwas bekommen, wie es in vielen anderen Städten in vergleichbaren urbanen Zentren oftmals selbstverständlich ist. Wie beispielsweise in Berlin Alt-Spandau. Die dortigen im lokalen Zentrum autofreien Bereiche wurden nach rund zehnjähriger Umbauzeit bereits 1989 (!) fertiggestellt und gelten heute als Berlins größte zusammenhängende Fußgängerzone. An der Osterstraße dagegen wissen wir abgesehen von einem Verkehrsmessgerät, welches wir im Sommer über einen kurzen Zeitraum im Baustellenbereich (ohne Kraftverkehr) hängen gesehen haben auch von keinen weiteren konkreten Beobachtungen der gesperrten Einkaufsstraße durch den Bezirk oder andere Stellen, die die neuen Mobilitätsgewohnheiten und Erfahrungen der Eimsbütteler Bevölkerung erfasst und ausgewertet hätte, während die neue Fernwärmeleitung Stück für Stück in den Untergrund verlegt wurde.
So ganz wohl scheint sich die Bezirkspolitik plötzlich dann doch nicht zu fühlen damit. Das macht sich am neuen, gemeinsamen Antrag der Grünen und der SPD bemerkbar, der nun eine Rundum-grün-Ampel zumindest für die Kreuzung an der U-Bahnstation Osterstraße fordert. Obwohl es das in Hamburg u.a. in Wilhelmsburg an der Kreuzung Rotenhäuser Straße / Georg-Wilhelm-Straße schon seit Jahren gibt, spricht man doch lieber von einer „Tokio-Kreuzung“, vermutlich weil man hier als zu Fuß Gehender Mensch auch diagonal die Kreuzung passieren darf. Und warum fordern sie das? Weil es hier so viele zu Fuß Gehende gibt, dass abbiegende Autos während der Grünphase oft gar nicht dazu kommen, abzubiegen, was Gedränge, chaotische Verhältnisse und oftmals viel Gehupe in den Räumzeiten nach sich zieht. Kann es vielleicht sein, dass die Osterstraßenkreuzung eher ein Verkehrsknoten für starke zu Fuß Gehende Ströme, jede Menge Radfahrende und ÖPNV ist…?

Wenn die Osterstraße unbedingt frei bleiben soll für Autos, kann die Politik stattdessen erneut den Blick ins SUPERBÜTTEL richten: Hier könnte der MIV-Verkehr auf der Lappenbergsallee zwischen Faber- und Voigtstraße vor der Apostelkirche herausgenommen werden. Auch das ist einer von unseren Vorschlägen für konkrete SUPERBÜTTEL-Maßnahmen, von denen bisher die wenigsten umgesetzt wurden. Allerdings wäre dies definitiv eine Maßnahme, die dem Quartier rund um die Kirche und am neuen (womöglich bald zudem erweiterten) Parnass-Platz eine Menge neue Lebensqualität bescheren würde. Ab dem 11. November bis vermutlich in das Frühjahr 2027 hinein gibt es nun eine zweite Chance, zu sehen, was auf der Lappenbergsallee, Langenfelder Damm und auf dem Parnass-Platz möglich ist, wenn diese an der Kreuzung Methfesselstraße für weitere Fernwärmeleitungsbauarbeiten noch einmal für den Verkehr gesperrt wird. Ob die Durchfahrt nun an der Kreuzung oder vor der Kirche unterbunden ist, spielt kaum eine Rolle, um den Effekt der Sperrung für das Quartier zu beobachten und zu erleben.
An dieser Stelle möchten wir euch das „Praxishandbuch Transformation öffentlicher Mobilitätsräume“ wärmstens empfehlen. Es ist aus Österreich und wurde von einem großen Team aus Forschung und Praxis zusammengetragen. Es ist allen aus Politik, Verwaltung, Planung sowie allen Interessierten gewidmet und ist wirklich sehr gut, informativ und inspirierend – auch für den deutschen Raum und Hamburg Eimsbüttel – sogar die Osterstraße kommt hier vor. Hier kann das „Praxishandbuch Transformation“ kostenfrei heruntergeladen werden. Über das Buch seien diese Sätze zitiert: „In der Transformation von Straßenräumen geht es daher nicht nur um eine neue Verteilung verschiedener Mobilitätsansprüche, sondern auch um die Schaffung von ausreichenden Retentionsflächen für Starkregenereignisse, um die Sicherstellung von durchgängigen Baumkronen für ein angenehmes Mikroklima und um die Aktivierung von Flächen für den Aufenthalt und den Handel. Die Biodiversität profitiert, ebenso wie die Verkehrssicherheit und das soziale Gefüge der Stadt. Die adäquate Berücksichtigung dieser Ansprüche bleibt – da rund zwei Drittel des Straßenraums vom motorisierten Verkehr beansprucht werden – heute oftmals auf der Strecke.“

Ihr wisst, wir sind unerschütterliche Optimisten. Wenn es im Kleinen an der Osterstraße nicht klappt, funktioniert es ja vielleicht im Großen an der Kennedybrücke – und das sogar ganz ohne vorher zwei Jahre lang zu testen, was passiert, wenn man diese Brücken-Magistrale über die Alster für Autos und LKW sperren würde. Das nämlich ist unsere neue Idee für Hamburg, der ALSTERSIDE PARK, den wir am 18. Mai erstmals der Öffentlichkeit präsentiert hatten. Anders als nach unserer SUPERBÜTTEL Premiere blieb es beim City-Projekt recht lange recht still. Inzwischen ändert es sich. Wir freuen uns, dass die Riff-Reporter kürzlich ausführlich berichtet haben. Ganz neu ist auch unser Film zum ALSTERSIDE PARK- schaut mal rein und helft uns gerne, damit mehr Leute davon erfahren.

Natürlich merken auch wir, dass Klima- und somit auch Mobilitätswende-Themen schon lange nicht mehr die Aufmerksamkeit generieren, wie dies zum Höhepunkt der Fridays-Bewegung und vor Corona der Fall war. Kriege, hohe Lebenshaltungskosten, irrlichternde Staatenlenker, eine Bundesregierung, die Zukunft eher in der Vergangenheit sieht, eine Automobilwirtschaft, die die Zeichen der Zeit nicht erkennt und beängstigende Erfolge der Rechtsextremen haben Prioritäten verschoben, was auf dem ersten Blick nachvollziehbar erscheinen mag. Aber u.a. der letzte Hitzesommer mit zehntausenden Toten mahnt uns, dass schlappmachen mit Transformationsanstrengungen keine Lösung sein kann.

Längst geht es nicht mehr um Klimaschutz, sondern um den elementaren Kern, der unsere Gesellschaft ausmacht – die Demokratie an sich. Dabei ist es doch gerade der Transformationsprozess und mit ihm insbesondere eben auch die Mobilitätswende in all ihren Facetten, die Demokratie wesentlich stärken kann, indem Verbesserungen, also Gewinne in so vielen Bereichen für die Menschen in recht kurzer Zeit erzielt und erlebbar gemacht werden können. Wenn nicht teurer und ineffizienter Autobesitz viel zu oft Bedingung dafür wäre, möglichst gut mobil sein zu können. Wenn es mehr Raum für alle gäbe, der gemeinsam gestaltet und dann auch weitaus mehr gemeinsam genutzt werden könnte, ohne dass Mensch sich dabei viel zu oft in Gefahr bringen müsste. Es ist ein Bereich, der für Verständigung statt Spaltung sorgt, der vernetzt und einbindet und gerade im Lokalen, also in der Stadt oder der Kommune unabhängig von all den übrigen großen Problemen vorangetrieben werden kann. Nur dafür braucht es eine Bedingung: Es muss auch passieren. Stillstand würgt diesen Prozess ab und nützt niemanden. Viele Städte haben dies bereits erkannt – wir leider noch nicht.
Hamburg muss deshalb Tempo machen. Gut, dass bereits im Oktober 2024 endlich eine Machbarkeitsstudie für eine Wiedereinführung der Straßenbahn im Süderelberaum ausgeschrieben worden ist. Nur warum soll es zehn Jahre dauern, um lediglich auszukundschaften, ob es machbar wäre? Und wie es machbar ist! Kopenhagen hat gerade eine Tram eingeführt, ebenso kürzlich Tampere in Finnland, Lund in Schweden, Lüttich in Belgien und Paris. In Kiel ist die Rückkehr beschlossene Sache, gleich vier Linien sollen den Nahverkehr in der ganzen Stadt gehörig umkrempeln, ab 2030 wird gebaut und schon vier Jahre später sollen die ersten Trams rollen.
Ein zweiter Bremsklotz ist das unsägliche Parkplatzmoratorium, welches umgehend beendet werden muss – auch weil niemand weiß, wann der „Masterplan Parken“ endlich fertig sein soll. „400 Parkplätze gerettet“ jubelte die SPD schon vor über einem Jahr – und sehr viele Projekte liegen weiter auf Eis. In Paris werden derweil weiter tausende Parkplätze abgebaut – gerade erst stellte Anne Hidalgos Nachfolger Grègoire den neuen, zweiten „Plan Velo“ vor: 140 Kilometer neue Radwege kommen, 220 Kilometer Einbahnstraßen werden für Räder freigegeben und 420 Kreuzungen sollen zu sicheren Kreuzungen umgebaut werden, allein 57 schon im kommenden Jahr. Weitere 220 Millionen Euro nimmt die Stadt dafür in die Hand. Und Paris ist auf einem guten Weg – 2024 gab es dort nur zwei tödlich verunglückte Radfahrende.

Also Hamburg, schau auf den Boden der Tatsachen und nicht nur in die Luft. Eine Gondelbahn von Oberbillwerder ins Zentrum? Was bedeuten würde, dass sie etwa parallel zur bestehenden S-Bahn 10 flache Kilometer durch die Lüfte führt? Echt jetzt? Weil unten drunter ein paar Autos fahren? Die man nicht beiseite nehmen oder hinter einer Tram fahren lassen kann?
Auch wenn wir es schon so oft gesagt haben – werde endlich mutig, Hamburg! Wann, wenn nicht jetzt – ein Jetzt, in dem Veränderungen zum Guten noch möglich sind, weil wir noch von Parteien regiert werden, von denen erwartet werden kann, dass sie die Dringlichkeit erkennen müssten. Plane und denke groß, hab‘ immer die Schwächsten im Fokus und nimm die Bewohnenden mit auf eine wunderbare Reise.
Das schaffst du!
Kommt gut und sicher durch die dunkle Jahreszeit,
eure KURS FAHRRADSTADT Crew













