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Seit 1642 gibt es eine Schleusenanlage (Slussen) zwischen Schwedens drittgrößtem See Mälaren und dem Schärengarten in der Ostesee. Dieser Übergang befindet sich neben der Alsttadtinsel Gamla Stan und wird eingerahmt von Östermalm sowie den Inseln Djurgården und Södermalm. Die zentrale Lage mitten im historischen Herzen der Stadt lässt Slussen über die Zeit zu einer gigantischen Verkehrsdrehscheibe werden – hier treffen wichtige Autostraßen (E4) auf die Tunnelbana (U-Bahn), Busterminal sowie Fuß- und Radverkehr.

1935 waren zu Fuß Gehende und auch Radfahrende nicht mehr so wichtig, das Auto ist der neue Star am Mobilitätshimmel und das damals zuletzt in Beton gegossene Resultat, ein Meisterwerk des Funktionalismus, ließ sich sehr lange Zeit bestaunen, nachdem der von Tage William-Olsson geplante kleeblattartige, kreuzungsfreie Straßenverkehrskreisel eingeweiht wurde. Slussen ist Schwedens zweitgrößter Verkehrsknotenpunkt und Europas erster innerstädtischer Straßenkreisel, wie man sie sonst typischerweise eher von Autobahnanschlussstellen kennt und zementierte die absolute Autozentriertheit für Jahrzehnte. Bis zu 80.000 Autos drehten in den 60er Jahren hier ihre Runden – jeden Tag. In einem Dokument, welches ich gefunden hatte, ist sogar von 90.000 Autos als Spitzenwert die Rede.

Foto: Av Okänd – Okänd, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=37022648

Über die Jahre immer maroder werdende Zustände machten einen Neubau von Slussen notwendig. 2015 wurde nach jahrzehntelanger Planung, Architekturwettbewerben und umfangreichsten Beteiligungsformaten mit dem Abriss der alten Anlagen begonnen, seitdem entsteht Slussen, nun als „Nya Slussen“ bis zum heutigen Zeitpunkt neu. Aufgrund des Komplettneubaus und den Chancen, die sich damit ergaben, entschied die Stadt, den neuen Verkehrsknoten an die heutigen Erfordernisse anzupassen. Wie Hamburg wächst auch Stockholm; inzwischen leben in der Groß-Stockholm-Region knapp 2.4 Millionen Menschen, wobei rund 1,76 Millionen in durchgehend besiedeltem Stadtgebiet wohnen. Ähnlich wie in Hamburg (Trennung durch die Alster) gibt es nur wenige Straßenverbindungen, um über den Mälaren / Schärengarten von der einen Stadthälfte in die andere zu gelangen, nämlich nur drei (Slussen-Areal auf Gamla Stan, Långholmen sowie Stora Essingen) und damit deutlich weniger als in der Elbmetropole. Dennoch wurde trotz des Einwohnerwachstums  entschieden, nun dem Umweltverbund zulasten des individuellen Autoverkehrs erstmals deutlich mehr Raum zu geben und es wird größten Wert auf gute Erreichbarkeit aller Einrichtungen in diesem Mega-Mobilitätshub gelegt, um die Intermodalität zu fördern.

Das Kleeblatt in seiner höchsten Vollendung – menschenfeindlicher Koloss im Herzen von Stockholm
Foto: Oscar Bladh, Luftaufnahme von 1935 oder 1939 – public domain

Seit 2016 wird also neu gebaut, so ganz fertig ist es noch nicht, im Großen und Ganzen bleibt man dabei wohl erstaunlich gut im Zeitplan – nur der mit 40 Bus-Taschen bestückte neue Busterminal, der auf Södermalm in den Katarinaberget gesprengt wird, scheint Verzögerungen zu verursachen – aktuell ist das letzte Jahresdrittel 2026 als Eröffnungsdatum angepeilt.

Wie schon erwähnt, ist Slussen ein Drehkreuz für alles: Hier treffen die Tunnelbana, die Vorortbahn Saltsjöbanen, diverse Stadtbuslinien, bald auch überregionale Busse wegen dem neuen Bus-ZOB, Fähren, Radfahrende und zu Fuß Gehende und unter ihnen jede Menge Touristen auf einem rund 130.000m² großen Raum aufeinander. Slussen soll nun fit für die Zukunft gemacht werden, dabei entstehen rund um die Schleusen, die ebenfalls erneuert werden, u.a. zwei Brücken für den Autoverkehr sowie eine für weitere für Radverkehr und zu Fuß Gehende. Man rechnet dabei mit einer Verdoppelung des Fuß- und Radverkehrs bis 2030, ebenfalls wird es massive Steigerungsraten bei Stadt-, Regionalbussen sowie der Vorortbahn geben. Das gesamte Slussen-Areal soll deshalb zudem nicht nur die Menschenmengen im wahrsten Sinne des Wortes durchschleusen, sondern zudem noch ein richtig schöner Aufenthaltsort werden mit diversen Terassenanlagen, neuen Parks, Gastronomie, Shops und sogar noch einem neuen Wohngebiet – kurz: es soll hier ein neues „world-class Stockholm“ entstehen.

Von ehemals 12 Spuren für Autos geht es nun runter auf nur noch 8 Spuren, wobei 2 von ihnen für den Busverkehr vorgehalten werden. Die Planung geht von aktuell noch 30.000 Fahrzeugen aus, die Slussen am Tag passieren werden. Martin Randelhoff nennt dieses gewaltige, insgesamt rund 2 Milliarden Euro kostende Projekt in seinem bereits 2013 erschienenem Beitrag auf „Zukunft Mobilität“ denn auch als „eines der ambitioniertesten Umbauprojekte eines Verkehrsknotenpunktes in Europa“.

Wir waren in diesem Sommer in Stockholm und sehr begeistert von dem, was wir von dem neu gestalteten Slussen-Areal schon sehen konnten. Natürlich ist vieles noch kahl, wirkt ein wenig steril, aber es fällt trotzdem leicht, sich vorzustellen, wie es wahrscheinlich in schon wenigen Jahren aussehen wird, wenn Bäume größer gewachsen und letzte Baustellen verschwunden sind und es zeigt schon jetzt, wie sehr schnell die Menschen die neuen Aufenthaltsmöglichkeiten bereits nutzen.

Hamburg sollte unbedingt von Slussen lernen – und die gewonnenen Erkenntnisse auf der ALSTERSIDE PARK Kennedybrücke zum Einsatz bringen.

Die Stadt Stockholm hat umfangreiche Informationen zusammengestellt – auf schwedisch ist deutlich mehr abrufbar als in der englischen Version:
https://vaxer.stockholm/omraden/stadsutvecklingsomraden/slussen/

„So wird das neue Slussen“, inkulsive weiterem Video:
https://vaxer.stockholm/omraden/stadsutvecklingsomraden/slussen/fordjupa-dig-i-projektet/sa-blir-nya-slussen/

Busterminal Katarinaberget:
https://vaxer.stockholm/projekt/sodermalm/bussterminal-i-katarinaberget/

„Slussen – stadsomvandling som berör“ (Stadtumwandlung die berührt)
Texte aus einer Seminarreihe zu kontroverser Stadtplanung und Demokratie im Herbst 2017. Stockholmia-Essay 2018:10. Diese Publikation steht zum kostenlosen Download bereit, meiste Inhalte auf englisch:
https://stockholmia.stockholm/forlag/bocker/stockholmia-essa/slussen-stadsomvandling-som-beror/

„New Slussen: Stockholm’s Revitalization Project – on the way to a world-class Stockholm“ (in der PDF Vorschau lesbar, sonst kostenpflichtiger download):
https://de.scribd.com/document/424976026/New-Slussen-terminal-by-Stockholm-city#google_vignette


Alster Hamburg Kennedybrücke